• RAin Lüdicke

Mit 12 Jahren im Knast neben Serientätern?

Das kann einem Kind in Deutschland glücklicherweise nicht passieren, was an mehreren Gründen liegt. Zum einen gilt eine strikte Trennung der Unterbringung von Erwachsenen und Jugendlichen/Heranwachsenden. Zum anderen ist ein Kind mit 12 Jahren derzeit nicht als strafmündig anzusehen.


Vorfälle, wie der in Mülheim a.d. Ruhr haben eine Debatte hervorgerufen, ob das Alter von 14 Jahren als Grenze der Strafmündigkeit noch angemessen sei. Hier soll eine Gruppe teilweise sehr junger Menschen ein 18-jähriges Mädchen vergewaltigt haben. Nicht, dass das schon schlimm genug ist, unter ihnen sollen zwei 12-jährige Jungs gewesen sein. Man fragt sich, wie das sein kann.. Wie kann ein 12-jähriges Kind so weit gehen, wo es doch eigentlich noch spielen und Kakao trinken sollte.


Vorab: Das deutsche Strafrecht unterscheidet zwischen Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden. Kinder sind diejenigen, die noch nicht 14 Jahre alt sind, Jugendliche sind zwischen 14 und 17 Jahre alt und Heranwachsende sind zwischen 18 und 21 Jahre alt. Mit 12 Jahren ist man also noch ein Kind. Würde nun die Altersgrenze von 14 Jahre auf 12 Jahre herabgestuft werden, müsste ein 12-jähriges Kind strafrechtlich als „jugendlich“ bezeichnet werden. Das stößt schon auf.


Einige Studien belegen, dass es Teil der kindlichen/jugendlichen Entwicklung ist, auch mal Grenzen zu überschreiten. Wird bei einer solchen Grenzüberschreitung direkt die „Keule“ des Strafrechts geschwungen, kann genau das am Ende zu mehr Kriminalität führen. Das liegt daran, dass sich gerade junge Menschen mit diesem „Stempel“ profilieren und dann in eine Spirale geraten. „Wenn ich doch schon kriminell bin, kann ich auch weiter machen“. Es besteht die Gefahr, dass sich der 12-jährige „Jugendliche“ mit straffällig gewordenen Gleichaltrigen hochstachelt und sich gegenseitig viel zu früh ein völlig falscher Respekt gezollt wird. Sätze wie „Ich wusste, dass aus dir nichts wird“ und „es war nur eine Frage der Zeit“ tun dann ihr Übriges. Untereinander wird sich zu weiteren Straftaten motiviert.


Ist die Herabstufung also schon deshalb falsch, weil das sog. „Labeling“ noch zwei Jahre früher als bisher dazu führen kann, dass junge Menschen in eine Spirale der Kriminalität geraten?


Andererseits gibt es durchaus Argumente, die für eine solche Herabstufung sprechen. Wer mal als Jugendlicher nicht die Regeln einhält, bekommt von mehreren Seiten eine Reaktion, nämlich in der Regel von den eigenen Eltern, dem Gericht und von Einrichtungen, die den Jugendlichen bei einer Rehabilitation unterstützen sollen. Die Unterbringung in einer Jugendstrafanstalt ist immer letztes Mittel. Zuvor versuchen Gerichte und Sozialarbeiter, den Jugendlichen ohne eine Unterbringung zur Vernunft zu bringen. Hier werden zum Beispiel Gruppentherapien durchgeführt. Unser Sanktionssystem bietet einem straffälligen Jugendlichen ein wesentlich breiteres Spektrum an erzieherischen Maßnahmen.

Wird ein Kind straffällig, wird meistens nur das Jugendamt involviert, weil Gerichte hier in der Regel nicht zuständig sind. Da die Jugendämter allerdings überlastet sind, kann in vielen Fällen nicht viel verhindert werden.


Warum denn herabstufen?


Das Alter von 14 Jahren als Strafmündigkeit wurde im Jahr 1952 festgelegt. Aufgrund eines vermehrten (und veränderten) Medienkonsums kann man sich jedoch fragen, ob die Reifeentwicklung heutzutage nicht bereits etwas früher einsetzt, als sie es noch im Jahr 1952 tat.


Besonders im Vergleich mit anderen europäischen Ländern fällt auf, dass dort die Strafmündigkeit bereits früher eintritt, als in Deutschland. In der Schweiz und in Frankreich kann man bereits ab dem 10. Lebensjahr strafrechtlich belangt werden. Finden wir das zu früh? Strafmündigkeit setzt voraus, dass das Unrecht der Tat verstanden wird. Wir lernen schon früh ethische Grundregeln, die wir irgendwann auch als rechtliche Grundregeln verstehen. Wir wissen zum Beispiel schon früh, dass wir wem anders nichts wegnehmen oder wen anders schlagen dürfen. Es fehlt zwar in der Regel an einer Impulskontrolle, dennoch besteht bereits früh ein Unrechtsbewusstsein.

Doch um die Thematik auf die Spitze zu treiben, stellen wir uns vor, ein 11-jähriges Kind tötet einen Spielkameraden. Als Beispiel: Nach der irischen Regelung zur Strafmündigkeit, würde auch dieses Kind zur Rechenschaft gezogen, weil es sich um eine schwerwiegende Tat handelt. Hierunter Fallen Tatbestände wie Mord, Totschlag und sexuelle Straftaten. Der Unrechtsgehalt dieser Taten ist überdurchschnittlich und rechtfertigt auch aus Opfersicht keine Rücksichtnahme das Alter betreffend. Vielleicht könnte diese Regelung in irgendeiner Form auch in Deutschland funktionieren. Danach könnten die beiden Kinder aus dem anlassgebenden Fall aus Mülheim zur Verantwortung gezogen werden.


Fassen wir also zusammen:


Gegen eine Herabstufung der Strafmündigkeitsgrenze spricht eindeutig, dass ein breiter gespanntes Netz des Strafrechts lediglich mehr Straftaten auffängt, was am Ende nicht in jeder Hinsicht positiv zu bewerten ist. Kinder würden zu straffälligen Jugendlichen mutieren, was diese noch tiefer in die Straffälligkeit treiben könnte.


Für eine Herabstufung spricht, dass die Möglichkeiten eines Strafverfahrens, auf den straffälligen Jugendlichen einzuwirken, vielfältiger und besser aufgestellt sind, als der bloße Rückgriff auf das Jugendamt. Auch muss nicht befürchtet werden, dass jeder junge Betroffene unabhängig vom Stand seiner Entwicklung ohne Prüfung des Einzelfalles einem Strafverfahren unterworfen würde.


48 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen